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Dienstag, 29.03.2011:

Bei Straßenstrich-Schließung in Dortmund „werden die Frauen Freiwild“

Dortmund. „Ich wollte mir was leisten, was ich mir nicht leisten konnte“, blickt Dany zurück. Das war vor fünf Jahren. Ein halbes Jahr habe sie sich ihren Entschluss reiflich überlegt. Seit fünf Jahren geht die 36-jährige Dortmunderin auf der Ravensberger Straße anschaffen.


Sie sei damals ins „kalte Wasser“ gesprungen, hätte sich Rat bei einer Freundin geholt, ebenfalls einer Prostituierten. Dany redet sehr offen über ihr Leben, die Situation an der Ravensberger Straße, die vielen Vorurteile, die Dortmunder über die Nordstadt hätten. Sie rede nicht – wie viele Politiker und Bürger – über das Leben rund um die Ravensberger Straße. Sie weiß, was es heißt, bei Minustemperaturen da zu stehen, bei Regen, in praller Sonne, eine von rund 600 Prostituierten zu sein, und mit ihrem Körper Geld zu verdienen – egal wie einem gerade zumute ist.

Nein, ein Club oder ein Zimmer in der Linienstraße komme für sie nicht in Frage. Sie müsse nicht Sex mit fünf, sechs Männern haben, um das Geld fürs Zimmer und den Service zusammenzubekommen. Sie müsse sich nicht von einem Bordellbetreiber vorschreiben lassen, welche Sexualpraktiken sie anbieten soll, mit wie vielen Männern sie Sex zu haben hat. „Über mich und meine Gesundheit hat kein anderer zu bestimmen“, so die 36-Jährige. Jetzt könne sie kommen und gehen, wann es ihr passt. „Ich lasse mich nicht zu irgendwelchen Sachen drängen, die ich nicht will.“

Mit 18 habe sie ihr erstes Kind bekommen, habe die Ausbildung geschmissen, sich ums Kind gekümmert. Weitere Kinder brachte sie zur Welt. „Klar, hätte ich später eine Lehre anfangen können, doch wer gibt einem da eine Chance mit 24 oder 25 Jahren“, erzählt sie. Da habe sie ihr Leben „verbockt“. Eine gute Kinderstube habe sie genossen, ihre Allgemeinbildung sei gut, sie könne Lesen und Schreiben, sich vernünftig ausdrücken, sagt sie und unterstreicht es in diesem Interview. Sie wolle als Mensch überzeugen. „Was sagt der Beruf denn über einen Menschen aus“, fragt sie.

Seit Jahren leben ihre Kinder in Pflegefamilien, doch sie habe Kontakt. Ihre Mutter und ihre Geschwister wissen, welche Tätigkeit sie habe. Andere Verwandte, viele Freundenicht. „Es ist nicht einfach, ein solches Doppelleben zu führen“, wird sie nachdenklicher beim Erzählen. Flüstern bei Telefonaten, sich hier und da verstellen zu müssen, nicht viel erzählen zu können über sich, über die eigenen Ängste, Bedürfnisse, über die täglichen Sorgen oder gar lügen zu müssen, um nicht Informationen über das andere Leben preis zu geben. „Klar ist Prostituierte ein anerkannter, ein legaler Beruf“, sagt sie. Doch viele Menschen zeigten immer noch mit dem Finger auf eine solche Frau.

Auch nicht alle Kolleginnen auf der Ravensberger Straße wissen alles über sie. „Doch der Zusammenhalt ist da“, betont Dany. Man redet miteinander oder mit den Mitarbeiterinnen von Kober. Auch stimme die Chemie zwischen den deutschen Prostituierten und den vielen ausländischen, die aus Bulgarien, Rumänien oder Polen stammen. „ Ganz langsam, jetzt nach drei Jahren begrüßt man sich auch untereinander, sagt Hallo“, so Dany.

„Das ist so, seit sie unsere Arbeitsweisen übernommen hätten.“ Man habe sie zusammen mit den Kober-Mitarbeiterinnen aufklären müssen über Kondome, Geschlechtskrankheiten oder auch über ihre Verantwortung ihrem Körper und ihrer Gesundheit gegenüber. So langsam integrierten sie sich. Man sitze manchmal gemeinsam mit ihnen in den Beratungsräumen von Kober. „Und die bulgarischen Frauen würden sicher nicht mit uns da eine dreiviertel Stunden entspannt sitzen und plaudern, wenn hinter ihnen irgendwelche Zuhälter stünden“.

Sicherheit durch Notfall-Buzzer

Für die Frauen sei es sicher hier, vor allem seit die Verrichtungsboxen da wären, mit dem roten Notfall-Buzzer. Gewalttätige Übergriffe wie früher, oder gar Morde an Prostituierten, die man leider auch in Dortmund hatte, seien zum Glück vorbei. Die „Ravensberger sei sicher. Man passe untereinander auf. So sei es auch unter den polnischen, rumänischen oder bulgarischen Prostituierten. Jede Gruppe habe engen Kontakt untereinander. „Und dass das jetzt bald nach dem Willen der Politiker und der Polizei vorbei sein soll“, kann sie nicht verstehen. Das sei eine Art Hexenjagd, das sei nur blinder Aktionismus.

Trotz aller Ausweitungen der Sperrbezirke würden viele dann in der Nordstadt arbeiten, oder in die Innenstadt zurückkehren. Die Polizei habe es ja nicht geschafft, die angrenzenden Straßen rund um die „Ravensberger“ von Prostituierten freizuhalten. Und was, wenn urplötzlich 600 Frauen der Arbeitsplatz genommen sein wird? Dann werden die Frauen allerdings auch wieder Freiwild sein für die Freier, hätten keine Sicherheit mehr wie jetzt auf der Ravensberger Straße. Dann würde wieder der Freiersuchverkehr einsetzen, die Straßen verstopfen. Viele Frauen hätten doch keine Alternative. Sie blieben doch hier. Und sie selbst? „Ich hätte, da ich mobil bin, die Möglichkeit, dann in Köln zu arbeiten.“



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