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Freitag, 23.07.2010:
Chemnitz: Prozess gegen Zuhälterin aus Litauen war erst der Anfang
Staatsanwalt ermittelt gegen weitere Beteiligte - Organisation soll Frauen nach Deutschland verkaufen
Chemnitz. Vor dem Chemnitzer Landgericht musste sich am Mittwoch eine 23-jährige Litauerin wegen Zuhälterei und Menschenhandel verantworten. Ein Verfahren, das zu Tage brachte, wie in Chemnitz, Zwickau, Jena und Gera die Wohnungsprostitution mit Mädchen aus Osteuropa floriert.
Das Klischee einer Puffmutter oder gar Zuhälterin bedient Edita P. ganz und gar nicht. In hautengen Jeans, schwarzem T-Shirt mit der viel sagenden Aufschrift "Einzelstück" und langem französischen Zopf betrat sie eher wie eine schüchterne Schülerin den Saal. Was Oberstaatsanwalt Siegfried Rümmler ihr dann vorwarf, fasste er in den Satz: "Sie sind noch jung an Jahren, aber gerissen ohne Ende." Die Schärfe der Worte kam nicht von ungefähr.
Die heute 23-jährige Mutter einer fast vierjährigen Tochter soll 2007 vom Vater ihres Kindes für 1000 Euro an hiesige Zuhälter verkauft worden sein. Sie prostituierte sich zunächst selbst in etlichen deutschen Städten, bevor sie ab März 2008 beschloss, sich selbstständig zu machen und illegal in Chemnitz ein Wohnungsbordell zu betreiben. Als ihr die Ermittler auf die Schliche kamen, weil eines ihrer Mädchen mit Drogen zugedröhnt im Stadtgebiet von der Polizei aufgegriffen wurde und auspackte, wechselte P. den Arbeitsort und mietete Wohnungen in Jena und Gera. Die Mädchen stammten aus ihrer Heimat und anderen Ländern Osteuropas.
Sie wurden über Internet-Portale und Mund-zu-Mund-Propaganda angeworben. Fast durchweg junge Frauen, die selbst oder deren Familien daheim verschuldet waren. Edita P. vermittelte sie an Freier, machte die Termine und zweigte von jedem "Lohn" 50 Prozent für sich ab. Nach ihren Angaben lag ihr so erzieltes Monatseinkommen bei 1000 bis 1500 Euro. Brutto gleich netto. Für die Miete mussten die Frauen aufkommen. Unter ihnen auch einige, die noch keine 21 Jahre alt waren, was das Gericht als "Menschenhandel zum Zwecke der Ausbeutung" wertete. Sogar die jüngere Schwester von Edita P. gehörte dazu. In Gera florierte das Geschäft offenbar am besten. Zudem wurden die Frauen zum Beispiel auf Zeit auch in Bordelle nach Zwickau, Plauen und Hof vermittelt. Edita P., die zu allen Punkten der Anklage geständig war, bestritt am Mittwoch allerdings, eine litauische Organisation oder Brigade zu kennen, die unter anderem Frauen nach Deutschland verkauft. Rümmler ist sich sicher, dass es sie gibt. Ein Helfershelfer sitzt ab 25. August in Chemnitz auf der Anklagebank.
Dass Edita P. am Mittwoch vom Gericht zu einer äußerst milden, zweijährigen Bewährungszeit verurteilt wurde, verdankt sie dem Umstand, dass sie selbst noch sehr jung ist, die Mädchen freiwillig bei ihr arbeiteten, keine Gewalt im Spiel war und sie mit dem Geständnis der Kammer eine zeitaufwändige Beweisaufnahme ersparte.
Richterin Simone Herberger machte sie aber auch auf das Verwerfliche der Tat aufmerksam: "Sie haben sich auf ein Unternehmen eingelassen, dem Sie nicht gewachsen sind. Sie wollten nur schnell Geld verdienen, haben sich keine Gedanken über das Alter der Mädchen gemacht und deren Mittellosigkeit ausgenutzt." Das sei Zuhälterei, die strafbar ist. Edita P. habe ausschließlich davon gelebt, alles illegal getan, ohne Steuern zu zahlen. "In Deutschland kann zwar jeder mit seinem Körper machen, was er will, aber nur in Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften."
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