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Donnerstag, 02.12.2010:
„Der Strich ist ein Viehmarkt“
Ungeschützter Sex zwischen Männern ist der Hauptgrund für HIV-Infektionen. Das Stricher-Projekt der Essener Aids-Hilfe „Nachtfalke“ betreut 30 Prostituierte: „Unsere Klienten sind durch sämtliche soziale Netze gefallen.“
Das also ist der Schwulenstrich. Ein Parkplatz, irgendwo in Essen. Die Autos, ein gutes Dutzend, parken in zwei gegenüberliegenden Reihen; Kombis und Kleinwagen, Kennzeichen aus dem ganzen Ruhrgebiet. In manchen glimmt von Zeit zu Zeit Zigarettenglut auf, die restlichen Wagen und der Parkplatz sind dunkel und leer.
Männliche Prostitution, das ist eines der letzten Tabuthemen in unserer enttabuisierten Gesellschaft. Vielleicht ist man deswegen aufs Schlimmste gefasst. Und dann wirkt das alles auf den ersten Blick: völlig banal. Kein gemütlicher Ort zwar, aber eben ein stinknormaler Parkplatz am Abend. Ein älteres Ehepaar läuft zum Auto und fährt weg.
An keinem Ort ist die Gefahr größer, sich mit HIV zu infizieren
Es ist kurz nach neun Uhr. Ein trüber Dienstagabend im November. Die drei Helfer vom Stricher-Projekt „Nachtfalke“, das zur Essener Aids-Hilfe gehört, haben gerade den roten Bully ausgeladen und schlagen in einer Ecke des Parkplatzes ihr Lager auf. Zwei Mal pro Woche kommen sie hierher, um mit den Jungs, die anschaffen, ins Gespräch zu kommen. Um sie kennen zu lernen und ihnen Hilfe anzubieten.
Ein männlicher Prostituierter bietet seine Dienste an (Szene nachgestellt). Foto: Ein männlicher Prostituierter bietet seine Dienste an (Szene nachgestellt). Foto: An keinem Ort ist die Gefahr größer, sich mit HIV zu infizieren als hier. Von den 30 Strichern, die das Projekt betreut, ist ein Drittel nachweislich HIV-positiv. Die meisten gehen weiter auf den Strich. „Deswegen ist Verhütung für uns das A und O“, sagt „Nachtfalke“-Mitarbeiterin Petra Bastians.
Nach ein paar Minuten kommen die ersten beiden Stricherjungs. Einer trinkt nur schnell eine Cola, nimmt Kondome mit und läuft dann zu einem Auto. Der andere, nennen wir ihn Marcel, lehnt sich an den Stehtisch und löffelt eine Käsesuppe. Die möge er eigentlich gar nicht und Hunger habe er auch nicht, hat er vorher gemeint. Nach drei Tellern ist er satt.
Der äußerste Rand der Gesellschaft
Arbeitslosigkeit; Schulden; Drogen-, psychische und gesundheitliche Probleme; Schwierigkeiten, sich im normalen Leben zurecht zu finden: All das ist in der Szene an der Tagesordnung: „Unsere Klienten sind durch sämtliche sozialen Netze gefallen“, sagt Petra Bastians. Der Schwulenstrich ist, man muss das so hart sagen, der äußerste Rand der Gesellschaft.
Marcel plaudert mit den Streetworkern über dies und das. Er redet zusammenhangslos. Es ist so kalt, dass die Knochen seiner Hand weiß hervortreten. Wenn sich das Gespräch seiner Stricherkarriere nähert, blockt er ab. Hier, auf dem Strich, können oder wollen nur die wenigsten über ihre Probleme reden.
Ortswechsel. Das Wohnzimmer der Anlaufstelle des „Nachtfalken“, ein paar Tage später. Die Wände in warmen Farben gestrichen, schwarze Ledersofas, Blumen auf der Fensterbank. „Wenn ein Prostituierter hierher kommt, haben wir schon viel erreicht“, sagt Petra Bastians. Oft dauere es Jahre, bis die Stricher bereit seien, sich helfen zu lassen.
Helfen heißt: die Lebensverhältnisse stabilisieren
Helfen, das heißt für die Sozialarbeiter neben der Prävention vor allem: Die Lebensverhältnisse stabilisieren. Deswegen arbeiten sie nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Sondern mit der ausgestreckten Hand. Bastians: „Ich sage nicht: Hör’ auf, anschaffen zu gehen. Das würde das zarte Pflänzchen Vertrauen sofort wieder zerstören.“
Bei Fabian (31), wie er sich nennt, hat es fünf Jahre gedauert, bis er zum ersten Mal hier saß und sich geöffnet hat. Es war die Zeit, „als alle Scheiße auf mich eingeprasselt ist und ich kein Vor und kein Zurück mehr gesehen habe.“
Obwohl Scheidungskind, kommt Fabian nicht aus kaputten Verhältnissen. Als Kind lebt er bei seiner Mutter, sie kommen gut miteinander aus. Die Jugend verläuft unspektakulär. Hier und da ein Joint, keine harten Drogen. Fabian macht die Fachoberschulreife und eine kaufmännische Ausbildung.
Die ersten sexuellen Kontakte hat er mit 15. Mit Mädchen. Und mit Jungs. „Ich bin bisexuell“, sagt er. Fabian ist Anfang 20, als er über einen Kollegen vom Schwulenstrich erfährt. „Geh da niemals hin“, rät ihm der Kollege. Fabian geht hin. Warum? Das kann er heute gar nicht mehr sagen.
Anfangs sieht er den Strich „als Partnerbörse“, hat Sex mit Gleichaltrigen, ohne Geld zu verlangen. Doch das ändert sich, als er 22 ist. Er hat zwar einen Job, kommt mit dem Geld aber nicht gut über die Runden. „Da habe ich irgendwann gedacht, das ist leicht und schnell verdientes Geld.“ Er verkauft seinen Körper und kauft Konsumgüter: Klamotten, CDs, Videospiele.
„Der Strich ist wie ein Viehmarkt“
Für Oralverkehr gibt’s 30, für Geschlechtsverkehr zwischen 50 und 70 Euro: „Je nachdem wie man aussieht. Auf dem Strich geht es zu wie auf dem Viehmarkt.“ Verhütet habe er immer. „Wenn ein Freier es ohne Kondom machen wollte, habe ich abgelehnt. Mein Leben ist mit zu wichtig, um es wegzuschmeißen.“
Die sozialen Kontakte zu seinen Freunden werden weniger. Es gibt niemanden, mit dem Fabian über sein Doppelleben redet. Der Strich wird sein einziger sozialer Bezugsraum.
Mit 25 lernt er ein Mädchen kennen, sie verlieben sich ineinander, werden ein Paar. Seiner Freundin erzählt er nichts von seiner Vergangenheit: „Das hätte sie niemals verkraftet.“ Trotz Beziehung geht er „so etwa einmal im Monat“ weiter auf den Strich. Hinterher hat er zwar jedes Mal ein schlechtes Gewissen, aber aufhören kann er nicht; er braucht das Geld, um seinen Lebensstil zu finanzieren.
Steiler Abstieg
Nach dreieinhalb Jahren die Trennung. Mit Fabians Stricherkarriere hat sie nichts zu tun. Zwar trennen sie sich im Guten, „aber eine so lange Zeit steckt man nicht einfach weg.“ Von da an kennt sein Leben nur noch eine Richtung: steil nach unten. Mit Drogen versucht er, über den Trennungsschmerz hinweg zu kommen. Der Kontakt zur Familie zerbricht. Er verliert den Job, findet keine Wohnung, lebt zeitweilig auf der Straße.
Irgendwann ist der Punkt gekommen, an dem er erkennt, dass es so nicht weiter geht. Dass er es allein nicht schafft, sich aus dem Teufelskreis zu befreien. Fabian kommt in die Anlaufstelle und willigt ein, sich einer freiwilligen psycho-sozialen Betreuung zu unterziehen. Ganz langsam bekommt sein Leben wieder Struktur.
Er findet einen 400-Euro-Job und einen neuen Partner. Der weiß von seiner Vergangenheit. Und akzeptiert sie, „obwohl es anfangs natürlich ein Schock für ihn war“. Drogen nimmt er „nur noch ganz selten“. Momentan macht er eine Fortbildung, hat sogar Chancen auf eine Festanstellung.
Den Strich habe er hinter sich gelassen, sagt Fabian. Weil er seinen Freund nicht verlieren will. Und weil er das, was er sich so mühsam aufgebaut hat, nicht wieder einreißen möchte. Für immer? „Im Moment würde ich sagen, ja.“
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