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Sonntag, 16.01.2011:

Diakonisches Werk betreut Prostituierte im Hasepark

Osnabrück. Einmal in der Woche fahren die Mitarbeiterinnen auf den Straßenstrich. Sie parken ihren Bulli im Hasepark und öffnen die Türen des Wagens für Frauen, die ihren Körper verkaufen, um die Drogensucht befriedigen zu können. „Nachtschicht“ heißt dieses ganz spezielle Streetworkangebot der Suchthilfe des Diakonischen Werkes.

Seit inzwischen elf Jahren ist die Sozialpädagogin Anja Weßel dabei und wird inzwischen von Monique Griepenstroh und Judith Schmidt unterstützt. Warme Getränke und etwas zu essen haben sie immer an Bord, dazu Kondome und Spritzen, um gebrauchte auszutauschen. Und sie haben immer Zeit für ein Gespräch: „Wir werten nicht, wir sind für die Frauen da“, sagt Anja Weßel.

Die Altersspanne der Frauen, die sich auf der Straße anbieten, liegt zwischen 18 und 50. Die meisten sind nach Weßels Schätzungen Anfang 20 bis Mitte 30: „Sie sind oftmals gefangen in einem Teufelskreis von Sucht, Prostitution und problematischen Paarbeziehungen.“ Traumatische Erlebnisse bei der Beschaffungsprostitution können sie meist nur unter Drogeneinfluss aushalten, der dann wieder finanziert werden muss.

Ihr Leben ist von der Sucht bestimmt. Die üblichen Angebote der Drogenhilfe würden sie nie erreichen. Deshalb kommen die Diakonie-Mitarbeiterinnen zu ihnen, sitzen ab 22 Uhr bis weit nach Mitternacht im Bulli. Aus Gründen der eigenen Sicherheit bleiben sie im Bus. Mit einer offenen Tür signalisieren sie den Frauen: Wir sind da, aber wir drängen uns nicht auf.

Die ersten Kontakte bahnen sich beim Spritzentausch an oder wenn sich die Frauen Kondome holen. Der anfängliche Wortwechsel findet noch durch die Tür statt, später kommen die Frauen rein, setzen sich, trinken einen Kaffee. „Wir sagen ihnen, dass wir der Schweigepflicht unterliegen, aber es dauert, bis Vertrauen aufgebaut ist“, berichtet Anja Weßel von ihren Erfahrungen.

Hinter manchem schroffen Verhalten steckt das Schamgefühl: „Ich würde mich nie prostituieren, wenn ich nicht abhängig wäre.“ Das ist auch der Grund dafür, dass viele dieser Frauen recht isoliert leben: Sie haben Angst davor, zurückgewiesen zu werden, wenn sie erzählen, womit sie ihr Geld verdienen.

Jetzt, nach den vielen Jahren, sind die Sozialarbeiterinnen in der Szene bekannt und genießen Vertrauen. Das ist die Grundlage, um sich gegenüber den Mitarbeiterinnen zu öffnen, über ihre Drogensucht, die Prostitution und Gewalterlebnisse zu reden. Dann wird er wieder deutlich, der Teufelskreis: Die Frauen verdrängen Vergewaltigungen und andere körperliche Übergriffe, um weiterhin Abend für Abend auf der Straße stehen zu können, weil es die Sucht fordert.

Die Sozialpädagoginnen nutzen die Gespräche für dreifache Beratung: Safer Use (risikoärmerer Konsum von Drogen, Spritzentausch), Safer Sex (Informationen über Infektionskrankheiten, kostenlose Kondomabgabe) und Safer Work (Informationen über Schutz zur Verhinderung von Gewaltübergriffen). Manchmal geht es auch um die Vermittlung medizinischer Hilfe. Viele Beschaffungsprostituierte sind in schlechter körperlicher Verfassung und oft nicht krankenversichert.

Für intensivere Gespräche bieten die Mitarbeiterinnen Termine im Café Connection, der Anlaufstelle für Drogenabhängige, oder in der Drogenberatungsstelle an. Anja Weßel freut sich, dass es seit einigen Monaten eine weitere Anlaufstelle gibt. Mit „Frida“ (Frauen in der Abhängigkeit) hat das Diakonische Werk, derzeit finanziell unterstützt von der Aktion Mensch, ein besonderes Angebot für Frauen geschaffen. Der Weg zu Frida und der Austausch mit anderen abhängigen Frauen könnten den ersten Schritt in ein Leben ohne Sucht bedeuten.

Geduld ist eine wichtige Eigenschaft für die Mitarbeiterinnen der Nachtschicht. „Man muss den Frauen Zeit geben und darf nie einen Menschen abschreiben“, betont Anja Weßel. Dabei denkt sie an eine Frau, die sie vor Jahren auf dem Straßenstrich kennengelernt hat. Heute hat die einstige Prostituierte eine Familie mit drei eigenen Kindern.



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