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Freitag, 21.05.2010:
Einblicke in die Rotlichtszene des Landes
Rotlicht. Zwei Agenten vermitteln Damen des horizontalen Gewerbes. Das Geschäft mit der Lust ist härter geworden. Das Ordnungsamt ist ihr Spielverderber.
Neubrandenburg. Es ist ein unscheinbares Wohn- und Geschäftshaus in Neubrandenburg. Auf dem Klingelschild steht „Olymp“. Nur wenige Treppenstufen führen zum Gipfel der Lust. Dann öffnet Aphrodite, wie sie in dieser Geschichte heißt, die Tür. Ihr Business-Kostüm ist so kurz, dass die halterlosen Strümpfe trotzdem hervorblitzen.
Die Mittdreißigerin aus Polen nennt sich Agentin. Sie vermietet die Wohnung an zwei bis drei Damen, die im wöchentlichen Wechsel ihre Liebesdienste anbieten. Aphrodite kümmert sich um die Ordnung in den Zimmern und die Vermarktung. Die Damen arbeiten selbstständig und zahlen eine Tagesmiete. Am Umsatz sei sie nicht beteiligt, sagt sie.
Der Olymp ist nur ein Ziel von vielen, dass in Neubrandenburg von Freiern angesteuert wird. Das „älteste Gewerbe der Welt“ ist als solches aber nicht gemeldet, wie die Stadt mitteilt. Offiziell gibt es keine Prostitution in der Viertorestadt. Auch Aphrodite betreibt lediglich eine Zimmervermietung.
In einen der Räume führt sie nun. Gleich zwei Futonbetten und eine Sitzecke stehen hier. Sie könne sich vorstellen, in diesem Raum „Sexpartys“ anzubieten. „Aber in Mecklenburg ist tote Hose. Vielleicht sind die Leute hier prüder als in Berlin und Leipzig“, sagt die Polin. Sie selbst sei als Liebesdienerin nicht mehr zu haben. Aphrodite ist nur noch Agentin. Sie kann aber auf eine lange Zeit als Vergnügungsdame zurückblicken.
Schon läutet die Klingel. Ein Freier sucht das Abenteuer. Aphrodite verlässt den Raum und bespricht sich mit einer der Damen, die in aufreizenden Dessous schon auf Kundschaft warten. Auf den Olymp kämen die Mädchen über Mund-zu-Mund-Propaganda. „Die Mädchen kennen sich untereinander und dann bringt eine die andere mit“, erzählt Aphrodite.
Auch Maik, ebenfalls Agent, komme so an seine Untermieterinnen. Vier Wohnungen betreut er aktuell in Greifswald, Pasewalk, Demmin und Heringsdorf. Ferdinandshof gehörte auch dazu. Es gab aber „Probleme mit den Nachbarn“, sagt Maik. Er musste die Wohnung aufgeben.
Vor fünf Jahren ist er in das Geschäft mit der Lust eingestiegen. Maik wohnt in der Nähe der polnischen Grenze und hatte so Kontakt zu einigen Frauen des Gewerbes. Moralische Bedenken habe er nie gehabt. „Die Terminfrauen sind Profis. Es ist nicht wie auf dem Straßenstrich. Die Mädchen kommen auf mich zu und ich kümmere mich um die Wohnung und die Internetseite“, sagt Maik.
Ein Zuhälter sei er nicht. Die gebe es in MV ohnehin nicht mehr, genau so wie Zwangsprostitution kein Thema sei, versichert der bullige Typ.
Im „Olymp“ ist derweil der Gipfel fast erreicht. Aus dem Zimmer über uns ertönt Gestöhne und das Knarren eines der Futonbetten. Die Dame spielt ihre Rolle offenbar gut. Das muss sie auch, denn das Geschäft mit der Lust ist härter geworden. Die Preise sind gefallen, die Ansprüche gestiegen.
Eine halbe Stunde Geschlechtsverkehr kostet heute nur noch 50 Euro. Die Stunde gibt es für 100, Küsse und Stellungswechsel oft inklusive. Selbst frühere Tabus, wie ungeschützter Oralverkehr und Analverkehr, haben immer mehr Damen in die Serviceliste aufgenommen.
Auch in Neubrandenburg können die Freier den besonderen Kick finden: nicht weit vom „Olymp“ entfernt in der Ihlenfelderstraße, wo die Lettin Natasha wartet. „Alles möglich. Keine Tabus“, sagt die 20-Jährige am Telefon. Auch ihr Werbetext auf einer Internetplattform für Huren in MV ist eindeutig: „Absolute Anfängerin und total versaute Studentin, die ihr Taschengeld aufbessern möchte“.
Aus Sicht von Aphrodite sind solche Angebote eine Gefahr für die Branche. „Mädchen, die nur befristet hier sein dürfen, stehen unter Zeitdruck. Sie wollen in drei Monaten so viel Geld wie möglich kassieren und bieten darum auch Oralverkehr mit Aufnahme für 30 Euro extra an, trotz der Ansteckungsgefahr mit Aids“, sagt die Polin.
Eine weitere Gefahr sind laut Aphrodite Überfälle auf die Mädchen durch engagierte Bandenschläger. Erst vor Kurzem sei ein Mädchen in Penzlin von sechs Russen ausgeraubt worden, sagt sie. Mit anderen Agenten arbeite sie darum auch nicht zusammen. „Ich bin vorsichtig. Als ich in Neubrandenburg angefangen habe, gab es Probleme mit der Konkurrenz“.
Den Ärger in der Branche kennt auch Maik. Momentan bereite ihm die Konkurrenz aber weniger Sorgen als das Ordnungsamt, das schon einige Wohnungen von ihm dicht gemacht hat. Seine Marktnische, Sex auf dem Land, ist ein Spiel gegen die Behörden, denn „eine Landesverordnung von 1992 verbietet die Ausübung der Prostitution in Gemeinden mit weniger als 15000 Einwohnern“, sagt Peter Krause, Leiter des Ordnungsamtes im Amt Torgelow-Ferdinandshof.
Krause hat auch den Fall in Ferdinandshof betreut und Maiks Wohnung kontrollieren lassen. Auch andere Ämter wollen die roten Lichter ausschalten, hängen aber oftmals hinterher.
So wie in Penzlin, wo derzeit zwei Verwaltungsverfahren gegen Prostitution in Privatwohnungen laufen, wie Penzlins Bürgermeister, Sven Flechner, informiert. „Die Verordnung wird eingehalten. Ich bin generell nicht für Prostitution. Seit der Einführung der Verordnung ist die Gesellschaft aber offener und toleranter geworden. Wir müssen darum überlegen, wie wir damit umgehen, dass diese Dienstleistung angenommen wird. Ein Werteverfall darf aber nicht geschehen“, sagt Flechner.
Maik ist sich sicher: „Früher oder später wird es alle treffen“. Er überlegt darum, nur noch Wohnungen in entsprechend großen Städten anzumieten. Die Nachfrage auf dem platten Land sei aber nach wie vor da.
Darum vermutet er, dass das Rotlicht auf dem Land immer häufiger schwarz brennen wird. „Mit der veralteten Verordnung schneiden sich die Behörden doch ins eigene Fleisch. Das Prostitutionsgesetz, das für mehr Transparenz sorgen sollte, ist dadurch wirkungslos und reine Theorie. Prostituierte zahlen zwar Steuern, bekommen für ihre Dienste aber keinen Gewerbeschein, weil ihre Arbeit als sozial unwertige Tätigkeit angesehen wird“, kritisiert der Agent aus Vorpommern.
Das Knarren und Stöhnen im Zimmer über uns ist nun verstummt. Wie lange die Freier in dem Neubrandenburg Haus aber noch den lustvollen Olymp erklimmen können, hängt vom Nachbarsfrieden ab. Sollte der durch spitze Schreie gestört werden, könnte der Zorn auch Berge versetzen.
Vermieter knipsen das rote Licht aus
Neubrandenburg (ine). Sie hat die Koffer gepackt und das rote Licht endgültig ausgeknipst. Eine Prostituierte verlässt Neubrandenburg nach vielen Jahren. Das Massagestudio in der Oststadt befand sich in einem Wohnblock im Juri-Gagarin-Ring.
Freier stehen nun vergebens vor der Tür der Drei-Raum-Wohnung. Ein anonymer Hinweis habe das Treiben in der zehnten Etage auffliegen lassen, sagt die Vermietungsfirma Neuwoges. Das Unternehmen bestätigt, dass es Kenntnis darüber habe, dass in Neuwoges-Wohnungen Prostitution betrieben wird.
Gestattet sei dieses Gewerbe aber nicht und darum würde das Unternehmen auch auf konkrete Hinweise durch die Polizei und Mieter reagieren. „Der Mieter bekommt eine Abmahnung mit der Aufforderung zur Unterlassung, bei Fortdauer die fristlose Kündigung“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Bis eine mögliche Räumungsklage aber vollzogen sei, könne ein Jahr vergehen. „Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass wir nichts tun“, sagt Sprecherin Erika Lübbert.
Die Adressen der Neubrandenburger Privatwohnungen, in denen Damen ihre Dienste anbieten, sind kein Geheimnis. Sie stehen im Internet oder sind über Anzeigen telefonisch bei den Damen zu erfragen. Die Vermietungsfirmen könnten also ohne großen Aufwand nach den entsprechenden Wohnungen recherchieren, wenn sie das Rotlicht von ihren Mietern fernhalten wollen.
Die Neuwoges gibt diesbezüglich an, in den ihr bekannt gewordenen Fällen auch Kontrollen durchgeführt zu haben, um „mögliches Denunzieren auszuschließen“.
Opfer von Zwangsprostitution im Land werden immer jünger
Schwerin. Nicht alle Damen des horizontalen Gewerbes in Mecklenburg-Vorpommern bieten ihre Dienste freiwillig an. Die Parlamentarische Staatssekretärin für Frauen und Gleichstellung hat darum vor etwa einem Jahr eine Fachberatungsstelle für Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel in Trägerschaft der AWO in Schwerin eingerichtet. Ingmar Nehls hat mit der Leiterin der Beratungsstelle ZORA gesprochen. Aus Sicherheitsgründen will sie anonym bleiben.
Wie viele Frauen haben ZORA bisher aufgesucht?
Uns gibt es seit ungefähr einem Jahr. Seitdem waren es 15 Frauen. Dies ist aber nur ein Bruchteil der vielen Prostituierten im Land, die unter körperlicher und seelischer Gewalt leiden.
Wie stellen Sie Kontakt zu den Opfern her?
Die Polizei vermittelt die meisten Mädchen nach Razzien in Bordellen und Privatwohnungen. Es ist sehr schwer, an die Opfer heranzukommen, weil viele die Wohnungen nach nur einer Woche wechseln. Es gibt auch Kampagnen, bei denen Freier Hinweise geben. Hier in MV ist dieser Weg bisher wenig erfolgreich.
Wie hilft ZORA?
Zunächst kümmern wir uns darum, dass die Frauen Kleidung und Essen bekommen und eine Unterkunft. In Frauenhäusern dürfen wir sie nur zwei Nächte unterbringen. Es gibt jetzt aber eine Schutzwohnung. Dann steht die psychosoziale Situation der Frau im Vordergrund. Viele Frauen haben körperliche Gewalt erfahren und sind stark verängstigt.
Woher kommen diese Frauen?
Die meisten kommen aus dem osteuropäischen Ausland und können somit auch Opfer von Menschenhandel sein. Es gibt aber auch deutsche Frauen, die von Zuhältern oder auch dem eigenen Partner zu sexuellen Diensten gezwungen werden.
Wie alt sind die Opfer?
Die Frauen sind jünger geworden, im Schnitt um die 20 Jahre. Bundesweit hat sich die Zahl der 14 bis 17-jährigen Opfer von Meschenhandel verdoppelt.Wir haben auch ein Mädchen betreut, das bereits mit 15 Jahren aus Bulgarien hergeschleppt wurde und als Prostituierte in MV arbeiten musste. Sie lebte in einem Dorf, wo sie keinen Strom und kein fließendes Wasser hatte. Wir können also davon ausgehen, dass sie Mecklenburg nicht kannte und über Vermittler in Bulgarien nach Deutschland kam.
Wo findet Zwangsprostitution statt?
In jedem Landkreis gibt es ein Rotlichtmilieu und damit vermutlich auch Opfer von Zwangsprostitution. In größeren Städten ist dies schon länger Thema. Im ländlichen Bereich wird aber nicht offen damit umgegangen.
Was müsste getan werden, um die Situation von Prostituierten zu verbessern?
Die ZORA ist für Prostituierte eingerichtet worden, die unter Zwang anschaffen. Es gibt aber keine allgemeine Beratungsstelle für alle Prostituierte. Dabei ist der Bedarf da. Diese Beratungsstelle dürfte aber nicht an ein Amt angegliedert sein, weil ein Großteil der Frauen nicht registriert ist und den Weg zum Amt darum scheut.
In anderen Ländern gibt es einen runden Tisch zum Thema Prostitution. Ist so etwas auch in Mecklenburg-Vorpommern geplant?
Wir bemühen uns schon länger, so einen Tisch zusammenzubekommen. Der Austausch ist sehr wichtig, denn bei solchen Fällen müssen viele Institutionen zusammenarbeiten von der Polizei bis hin zur Ausländerbehörde.
Wie zeitgemäß ist das Verbot der von Prostitution in Gemeinden von unter 15000 Einwohnern ?
Das ist ein zweischneidiges Schwert. Hebt man das verbot auf, könnte das mehr Offenheit bringen. Andererseits könnte die Nachfrage steigen und dies wiederum die Zwangsprostitution verstärken.
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