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Donnerstag, 19.01.2012:

Es geht auch ohne Sperrbezirk

Nürnberg - Vor zehn Jahren hat der Bundestag das Prostitutionsgesetz verabschiedet, um die Position der Huren zu stärken. Seitdem gilt Sexarbeit nicht mehr als sittenwidrig, den Prostituierten steht der Weg in die Sozialversicherung offen. Was hat es den Frauen gebracht? Soziologin Beate Leopold (56) von der Nürnberger Prostituierten Selbsthilfe Kassandra zieht Bilanz.


Nürnberg  - Vor zehn Jahren hat der Bundestag das Prostitutionsgesetz verabschiedet, um die Position der Huren zu stärken. Seitdem gilt Sexarbeit nicht mehr als sittenwidrig, den Prostituierten steht der Weg in die Sozialversicherung offen. Was hat es den Frauen gebracht? Soziologin Beate Leopold (56) von der Nürnberger Prostituierten Selbsthilfe Kassandra zieht Bilanz.

Raus aus der rechtlichen Grauzone, rein in die Sozialversicherung. Hat das geklappt?

Beate Leopold: Jein. Auf der einen Seite hat es funktioniert, da Prostituierte nun einen Rechtsanspruch auf ihr Entgelt haben. Das ist eine eindeutige Verbesserung und bedeutet eine Gleichstellung mit anderen Erwerbstätigen. Andererseits sind nicht — wie es sich der Gesetzgeber vorgestellt hat — massenhaft rechtsgültige Arbeitsverträge in der Sexbranche entstanden. Kein Wunder, denn hier hat der Arbeitgeber nur eine eingeschränkte Weisungsbefugnis, die mit einem hohen finanziellen Risiko einhergeht. Denn: Ein Bordellbetreiber kann zwar die Arbeitszeit, die Arbeitskleidung und den allgemeinen Umgang mit Kunden vorgeben, aber nicht, welche sexuellen Praktiken ausgeführt werden. Das würde dem sexuellen Selbstbestimmungsrecht der Prostituierten widersprechen. Nahezu alle Frauen arbeiten selbstständig — und möchten das auch so.

Sie haben anfangs von dem Rechtsanspruch auf Lohn gesprochen. Wie sieht das in der Praxis aus?

Leopold: Es gibt nur wenige Fälle, wo Prostituierte tatsächlich ihr Geld einklagen. In der Praxis wird nach wie vor gegen Vorkasse gearbeitet. Es hat sich gezeigt, dass allein der Hinweis auf die Gesetzeslage reicht, um zahlungsunwillige Kunden zu überzeugen.

Wie gestaltet sich die Situation in Nürnberg?

Leopold: Im Großraum arbeiten rund 1500 Frauen im Alter von 18 bis 75 Jahren freiwillig als Prostituierte. Sie gehen in Nürnberg an der Frauentormauer, in den Bordellen der Industriegebiete und in angemieteten Zimmern dem Gewerbe nach. Arbeitsverträge sind die Ausnahme. Das Gros der deutschen Frauen, die hier langfristig arbeiten, ist krankenversichert, bei freiwilligen Rentenversicherungsbeiträgen hört es dann aber schon auf. Bei weit über die Hälfte der Prostituierten handelt es sich jedoch um Migrantinnen. Sie kennen in der Regel ihre Rechte nicht, hinzu kommen Sprachprobleme und eine hohe Fluktuation.

Hat das Gesetz tatsächlich die Rechte der Prostituierten gestärkt?

Leopold:
Leider nur begrenzt. Denn immer noch ist die Prostitution eine sehr stigmatisierte Tätigkeit, die Frauen legen großen Wert auf Anonymität. Daran hat das Gesetz nichts geändert. Und wie schon angesprochen, auch im arbeitsrechtlichen Bereich funktioniert es nicht.

Zehn Jahre Prostitutionsgesetz — wie lautet Ihr Fazit?

Leopold: Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber da für die Sexarbeitsbranche immer noch viele Sondergesetze gelten, gibt es noch viel zu verbessern. Zum Beispiel die Abschaffung der Sperrbezirksverordnung: Sie reglementiert, wo Prostituierte arbeiten dürfen, und schränkt so ihre Arbeitsmöglichkeiten massiv ein. Das ist überflüssig und diskriminierend! Städte wie Berlin zeigen, dass es auch ohne Sperrbezirk funktioniert. Daran sollte sich Nürnberg ein Beispiel nehmen.

Heute lädt das Casablanca, Brosamerstr.12, um 20Uhr zur Premiere des Films „Tag und Nacht“, der den Anspruch hat, einen Teil des Sexgewerbes authentisch darzustellen. Im Anschluss findet ein Publikumsgespräch mit Vertreterinnen von Kassandra statt.



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