Alarm in der Frankfurter Polizeileitstelle: Ein Anrufer aus Eisenhüttenstadt spricht von einem bewaffneten Überfall. Maskierte Männer würden sich vor einer Bäckerei auf einen anderen Mann stürzen. Es dauert nur wenige Sekunden, dann liegt das vermeintliche Opfer reglos am Boden. Was der besorgte Anrufer nicht ahnt: Die maskierten Männer gehören zu den „Guten“, erklärt ein Ermittler der Polizei. Es sind Beamte eines Sondereinsatzkommandos (SEK). Ihre Aufgabe an diesem Vormittag ist der Zugriff nach einer Geldübergabe. Es geht um Schutzgelderpressung, aber auch um illegalen Handel mit Drogen und Zigaretten, erklärt ein Sprecher des Landeskriminalamtes.
Drei Männer im Alter zwischen 35 und 56 Jahren nehmen die Fahnder von Polizei und Zoll an diesem Vormittag fest. Bis zum frühen Abend werden in Brandenburg und Berlin 27 Objekte durchsucht. Der Hauptbeschuldigte heißt Maik J. Der 40-jährige Eisenhüttenstädter ist mehrfach vorbestraft und wurde in der Vergangenheit bereits zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt. J. ist Mitglied des Rockerclubs Gremium MC. Offiziell betreibt er in der Nähe von Arcelor Mittal eine Autowerkstatt. Inoffiziell soll er sein Geld im Rotlicht- und Türstehermilieu verdient haben. Bei Polizei und Justiz ist er unter dem Spitznamen PM bekannt. Das Kürzel steht für Polen-Maik.
Hintergrund für den Namen sind seine engen Verbindungen ins Nachbarland. Seine Ehefrau Dorota stammt aus Polen. Auch sie und 31 weitere Beschuldigte stehen unter Verdacht. Neben Drogen und Schutzgeld ermittelt die Polizei auch wegen Steuerhinterziehung. Die Bande soll in den Jahren 2009 und 2010 fast vier Millionen unversteuerte Zigaretten von Polen nach Deutschland gebracht haben. Dabei ist ein Steuerschaden von etwa 800 000 Euro entstanden, heißt es in einer Mitteilung des LKA. Organisiert wurde der Schmuggel durch angeheuerte Kuriere und einen polnischen Lieferanten. Bemerkenswert finden die Ermittler, dass die Täter den Schmuggel weiter fortsetzten, obwohl sie mehrfach vom Zoll ertappt wurden.
Schwerer als die illegalen Zigaretten wiegen weitere Vorwürfe gegen Maik J. und seine Mittäter. Es geht um Erpressung, Nötigung, Zuhälterei und erpresserischen Menschenraub. Um die Zugänge zu Diskotheken und Bars zu kontrollieren, soll der 40-Jährige seine Mitgliedschaft im Gremium MC ausgenutzt haben. Mit den „schweren Jungs“ vom Rockerclub baut er eine Drohkulisse auf, um seine Opfer einzuschüchtern, heißt es weiter. Betroffen ist laut Polizei vor mehr als einem Jahr auch ein Diskothekbetreiber. Er wird von Maik J. unter Einsatz massiver körperlicher Gewalt genötigt, Mitglieder des Gremium MC als Türsteher zu beschäftigen.
Die Verbindungen von Maik J. reichen sogar bis ins Landratsamt von Oder-Spree. Dort ist er offenbar mit dem 48-jährigen Ralf M. befreundet. Der Beamte arbeitet früher in der Ausländerbehörde, heute ist er im Amt für Katastrophenschutz tätig. Die Beziehung soll der Rocker ausgenutzt haben, um nach dem Hochwasser im vorigen Jahr überteuerte Leistungen für die Beseitigung von Sandsäcken abzurechnen. „In diesem Zusammenhang ermitteln wir auch gegen den Beamten“, sagt der LKA-Sprecher. Es geht um Bestechlichkeit und Vorteilsnahme im Amt.
Landrat Manfred Zalenga (parteilos) bestätigte gestern den Einsatz in seinem Haus. Aus dem Büro von Ralf M. nahmen die Ermittler einen Computer und diverse Akten mit. Nicht dementieren wollte die Polizei gestern, dass der Beamte an einem Bordell in Polen beteiligt ist. „Wir prüfen jetzt, ob wir ihn sofort beurlauben können“, sagte der Landrat weiter. Sollte dies aus juristischen Gründen nicht möglich sein, werde man den Mitarbeiter an einer anderen Arbeitsstelle einsetzen.
Maik J. sitzt seit gestern in Untersuchungshaft. Genau so wie ein weiteres Mitglied der Rockerbande – ein 35-jähriger Anwärter („Prospect“) des Gremium MC. Ihm werden vor allem Drogendelikte vorgeworfen. Im Visier der Polizei steht auch ein Vietnamese wegen gewerbsmäßigen Einschleusens von Ausländern. Abgerundet wird die internationale Tätergruppe von einem 56 Jahre alten Rumänen. Er ist der Mann, der am Vormittag in Eisenhüttenstadt vor der Bäckerei auf dem Boden liegt – überwältigt von Beamten des SEK.