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Mittwoch, 05.01.2011:

Kleine Schläge unter Kerlen

Deutschlands Justiz klagt gerne über die zu hohe Arbeitsbelastung - die Verfahren sollen gestrafft und verschlankt werden. In der Praxis sieht es oft anders aus. Vor dem Bochumer Landgericht geht es seit 22 Verhandlungstagen um einen einzigen Schlag. Die Geschichte eines skurrilen Falls.

Der Mann ist groß und stark - und genau das ist sein Problem. Wenn Ayhan Cakmakci zulangt, dann gehen schon mal Nasenbeine zu Bruch, Kieferknochen splittern und Kontrahenten müssen wochenlang das Bett hüten.

Dass ausgerechnet er aber einmal wegen einer angeblichen Ohrfeige unter Verwandten vor Gericht stehen würde, wäre ihm wohl nie eingefallen. Auch nicht, dass er dafür drei Jahre ins Gefängnis kommen könnte.

Seit dem Sommer wird vor der 12. Großen Strafkammer des Bochumer Landgerichts gegen den 35-Jährigen verhandelt. Der Staat gegen Cakmakci.

Der Vorsitzende Richter, Wolfgang Mittrup, ist ein erfahrener Jurist. Ein Spezialist für komplizierte Wirtschaftsstrafverfahren, der sich zu dem laufenden Prozess nicht äußern wollte. Sein bislang prominentester Fall war der des ehemaligen Postchefs Klaus Zumwinkel, den er wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren auf Bewährung und zur Zahlung einer Geldstrafe von einer Million Euro verurteilte.

Nun also eine Ohrfeige.

Zentimeterlange Fingernägel

Anfangs wachten sogar noch bewaffnete Polizisten im Saal und vor der Tür. Denn Cakmakci soll eine Nummer im Bochumer Rotlichtmilieu sein. Eine Lokalgröße ist er in jedem Fall, was ihm einen Auftritt in der Polizeiserie "Toto und Harry" bescherte. Inzwischen sind die Polizisten abgezogen und die zentimeterlangen Fingernägel der wasserstoffblonden Schriftführerin die schärfsten Waffen im Saal 1.

22 Verhandlungstage schon zwängt sich Cakmakci auf die Anklagebank. Gründlich rasiert, die Hände mit dem goldenen Ehering an der Rechten sind sauber manikürt, die Kleidung so dezent, wie es bei ihm möglich ist. 1,98 Meter groß, 135 Kilo schwer, mit Händen groß wie Bratpfannen. Der Deutsche mit türkischen Wurzeln überragt seine drei Anwälte um Haupteslänge.

Es geht um eine Sache, die ihn drei Jahre kosten könnte. Eine Bewährungsstrafe wegen irgendeiner alten Kieferbruch-Geschichte würde ihm dann zum Verhängnis. Die Bewährungsstrafe hatte ihm Richter Mittrup auferlegt. Wenn er nur einmal über eine rote Ampel fahre, sei er dran, wusste Cakmakci. Und will sich daran gehalten haben. Sogar ein Anti-Aggressions-Training machte er. Er habe jetzt eine Familie, zwei kleine Kinder, seine wilden Zeiten seien vorbei, beteuert er.

Und die Ohrfeige?

Alles nur ein Spaß, versichern er und Olli W., sein Schwager. Olli war es, der den Schlag abbekommen hat, einen Kopf kleiner, aber genauso breit und kräftig wie Cakmakci. "Ein Schlag wie von einem Mädchen", erzählt Olli und grinst vergnügt, "von meiner Mutter hab ich schon festere abbekommen."

Über den Ohrfeigen-Tag gibt es freilich höchst unterschiedliche Versionen. Laut Anklageschrift ging Cakmakci während einer Durchsuchung im Mai 2009 auf seinen Schwager los, schlug ihm mit der Faust so stark ins Gesicht, dass er über den Vorplatz des Hauses taumelte und gegen das Garagentor stieß. Der Beschuldigte soll ein Geständnis aus W. herausgeprügelt haben. Die Staatsanwaltschaft wertet das als Körperverletzung.

Slapstick wie bei Dick und Doof

Cakmakcis Version geht hingegen so: Einer, der im Bochumer Milieu gerne mitmischen wolle, habe ihn bei der Polizei angeschwärzt - er solle sechs Waffen im Haus versteckt haben. Die Beamten hätten daraufhin eine Durchsuchung gemacht und einen leeren Waffenkarton der Firma Glock gefunden. Cakmakci habe um seine Bewährungsstrafe gefürchtet und Olli alarmiert, seinen Schwager, der ganz in der Nähe wohnt.

Der habe die Polizei gesehen, seine aufgelöste hochschwangere Schwester und den leeren Karton - und sich etwas einfallen lassen. Die Polizei habe glauben sollen, er hätte die Waffe. Er habe sich das erlauben können, er sei noch nie verurteilt worden.

Daraus wird dann angeblich eine Art Slapstick-Komödie - à la Dick und Doof. Die beiden seinen vor die Tür gegangen, der Große habe dem Kleineren eine runtergehauen und der Kleinere in gespielter Wut gegen das Garagentor getreten.

Bei der späteren Vernehmung gibt Olli an, die Glock gekauft und wieder verkauft zu haben. Von Albanern und an Albaner. Er akzeptiert eine sechsmonatige Bewährungsstrafe.

Dabei gab es weder die Albaner noch die Waffe. Die Glock liegt seit Jahren in der Asservatenkammer der Dortmunder Polizei - doch das fiel niemandem auf.

"Pickel, ich bekomm immer so große Dinger"

Hätte er richtig zugeschlagen, sagen Cakmakci, Olli und die Anwälte, dann wäre der Schwager nicht mehr aufgestanden. Dann wäre auch bei ihm mindestens Kiefer, Nase oder anderes zu Schaden gekommen. Um das zu beweisen, wollten Cakmakcis Anwälte schon einen ganz besonderen Sachverständigen vorladen lassen: Fritz Sdunek, den Trainer der Klitschkos. Das Gericht lehnte ab.

Stattdessen werden am 21. Verhandlungstag Fotos von Ollis ziemlich rundem Schädel betrachtet. Da, sind das keine Schlagspuren? "Pickel", sagt Olli, "ich bekomm immer so große Dinger."

Ein Schlag unter Verwandten, mit Einverständnis zudem, ist eigentlich nicht strafbar. Im Juristendeutsch nennt sich das "Antragsdelikt", die Sache wird nur verfolgt, wenn der Geschlagene es ausdrücklich will. Es sei denn, es besteht öffentliches Interesse an einer Ahndung. Darauf besteht der Staatsanwalt.

Cakmakci kennt sich mit den einschlägigen Paragrafen aus. Er hat zwei Semester Jura studiert, bis ihm die erste Untersuchungshaft dazwischenkam. Eine Messerstecherei unter Türstehern.

Ärger mit Russen

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Eigentlich könnte er ein Musterbeispiel für Integration sein: die Eltern noch in Anatolien aufgewachsen, der Vater vier Jahrzehnte bei Opel in Bochum am Band. Die Geschwister alles Akademiker. Mit 18 Abitur, mit 19 Geschäftsmann als Inhaber einer Discothek. Doch dann kamen Kneipen im Rotlichtmilieu, Tabledance und Bordelle dazu. Allerdings nie Drogen, Waffen und minderjährige Prostituierte, wie Cakmakci versichert.

Mit einigen Polizisten duzt er sich. Die rufen schon mal nach ihm, wenn es irgendwo Ärger mit Russen gibt. Wenn Cakmakci sich dann aus seinem Mercedes-Jeep wuchtet, ist ihnen meistens schon die Lust am Streit vergangen. "Richter Mittrup ist ein fairer Mann", sagt Cakmakci, "er wird mich doch nicht für etwas verurteilen, was ich nicht begangen habe. Das hier ist einfach der falsche Fall."

Ganz so sicher ist er sich seiner Sache aber nicht. Am Mittwoch soll das Urteil gefällt werden. Sicherheitshalber hat er bereits den Düsseldorfer Revisionsspezialisten Rüdiger Deckers beauftragt. Für den Fall, dass Cakmakci verurteilt wird, muss sich demnächst der Bundesgerichtshof mit einem einzigen Schlag beschäftigen.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,737665,00.html



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