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Montag, 14.03.2011:
Männliche Prostituierte in Essen treffen ihre Freier meist übers Internet
Essen. Reportage: Um Anonymität sind bei männlicher Prostitution beide Seiten bemüht, die Freier und die Stricher. Schwule Prostitution verlagert sich ins Internet.
Unsichtbare Menschen haben keine Namen, nur Pseudonyme, die sie wie ein getragenes Hemd ablegen können. Männliche Prostituierte sind in unserer Stadt unsichtbar, weil viele sie nicht zu Gesicht bekommen; und wenn doch, sie nicht als die erkennen, die sie sind: junge Männer, keiner von ihnen älter als 30, die Sexualität als käuflichen Dienst anbieten. Manche von ihnen tragen mehr Alias-Namen, als sie vielleicht je Hemden besessen haben. Aus irgendwelchen Gründen ist bei den Strichern aktuell das Pseudonym Tony besonders beliebt. Wir lernen an diesem Märzabend mit den milden Temperaturen und dem eisigen, durchdringenden Wind einige falsche Tonys kennen. Und Dominiks. Und einen 26-Jährigen, der Fabian genannt werden möchte.
Selbst Parallelleben gehorchen der Geometrie
Unsichtbare Orte haben keine Namen, nur Pseudonyme, die sich mit der Zeit herumsprechen. In der Schwulen-Szene heißt der Männerstrich, den es in Essen offiziell gar nicht gibt, „Wackel“. Keiner kann uns erklären, warum er so genannt wird, aber viele können uns sagen, wo wir ihn finden. Es ist einer dieser von Beton und Asphalt umgebenen Plätze, die unsere Augen gewohnt sind zu übersehen, weil sie uns im Vorbeifahren nichts zu sagen haben.
Doch der Wackel hat viele Geschichten zu erzählen – wenn man sie denn hören möchte. Man muss nur den Geruch von kalter Asche, Autoabgasen und Staub ertragen. Und die Dunkelheit. Nur bei Nacht haben die Freier das Gefühl, unsichtbar zu sein. Trotzdem drehen sie schüchtern mehrere Runden in ihren Wagen, umkreisen – wie Motten das Licht – die Jungen, bevor sie das Fenster einen Spalt weit öffnen, um über die Preise und Vorlieben zu verhandeln.
Manche werde noch einsamer davonbrausen, als sie hergekommen sind. Wie der Transvestit, der in Netzstrumpfhose und Pumps zwei, drei theatralische Runden auf einer imaginären Bühne stöckelt – und plötzlich weg ist.
Die Geschichte von Fabian, der nach eigenen Angaben am „Wackel“ nur noch selten anschafft, geht so: Als 18-Jähriger fährt der gebürtige Essener an Orte, die schwule Männern zum „cruisen“ aufsuchen. Cruisen erklärt Wikipedia als ein „unter US-amerikanischen Teenagern entstandenes Freizeitvergnügen, bei der man mit einem Automobil langsam an von vielen Passanten frequentierten Orten entlangfährt“. Doch schwule Cruiser halten an, lernen sich kurz kennen und haben dann im gegenseitigen Einvernehmen schnellen, unverbindlichen Sex.
Als Fabian von einem unattraktiven älteren Mann angesprochen wird, lehnt er ab. Sein Gegenüber bleibt hartnäckig, bietet ihm Geld an, das Fabian entrüstet ablehnt. Das passiert einmal, zweimal und irgendwann willigt Fabian, der sich selbst als bisexuell bezeichnet, ein. Er sei damals an einem Tiefpunkt in seinem Leben gewesen, sagt er. Arbeit weg, Freundin weg und das Geld für die Drogen, die ihn all’ das vergessen ließen, auch.
„Wenn ich auf den Strich gehe, bin ich ein Schauspieler, der eine Rolle spielt"
Er habe sich gedacht, „warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden“. Als er diesen Satz ausspricht, muss er kurz lachen, vielleicht aber auch über die darin enthaltene Naivität. Seinen Körper zu verkaufen, das sei selten angenehm. Bei Prostitution geht es nicht darum, seine eigene Lust auszuleben. Es geht darum, sie anderen zu ermöglichen.
Unsichtbare Wunden in der Seele haben keine Worte. Fabian kann über Väter erzählen, die ihm nach dem Sex die Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder zeigen, berichtet von Freiern, die großherzig zu ihm waren und ihn bei sich zu Hause schliefen ließen, als er auch noch seine Wohnung verlor. Was er als Fabian beim Sex mit den fremden Männern empfindet, mag oder kann er nicht sagen. Nur soviel: „Wenn ich auf den Strich gehe, bin ich ein Schauspieler, der eine Rolle spielt. Ich bin dann nicht ich selber“, sagt Fabian. Es klingt, als spiele er sich dabei selber etwas vor.
Aber selbst Parallelleben gehorchen den Gesetzen der Geometrie, sie berühren sich im Unendlichen und zwar immer dann, wenn man es gerade nicht erwartet.
Die Straße ist für das schnelIe Geld
Wo das gespielte mit dem echten Leben zusammentrifft, das sind diese Momente, in denen der Junge mit dem lockigen Haar unter der Baseballkappe nicht alleine sein kann, die Nächte, in denen dieser Fabian vom Straßenstrich in sein um Normalität bemühtes zweites Leben kommt; es sind quälende Abendstunden, in denen Fabian sich erinnert. Er habe jetzt eine feste Beziehung, er hat sich bei den „Nachtfalken“ der Aidshilfe gemeldet und sich helfen lassen, er hat wieder eine Wohnung, möchte zurück ins bürgerliche Berufsleben, und da steht ihm Fabian im Weg, der unter einer Laterne auf eine „Tour“ wartet, wie Stricher ihre Kundenfahrten nennen.
Unsichtbare männliche Prostitution wird im Zeitalter des Internets noch unsichtbarer. An den „Wackel“ kommen nur noch die jungen Männer, die entweder schnell Geld brauchen oder keinen festen Wohnsitz haben – und somit auch keinen PC. „Die Szene verlagert sich zunehmend ins Internet“, sagt Markus Willike, Leiter der städtischen Präventionsstelle. Seit fast zehn Jahren fahren die Streetworker der „Nachtfalken“ von der Aidshilfe an den Männerstrich, verschenken Kondome, verteile warmen Kaffee und versuchen mit den Strichern ins Gespräch zu kommen, um Perspektiven für ein anderes Leben fern der schnellen 30-bis-100-Euro-Nummern aufzuzeigen. Sie kennen fast alle Jungs und die kennen die „Nachtfalken“, die in einem knallroten Transporter sitzen.
"noch Geld für eine Tasche verdienen"
Mehr als zehn Stricher sind es an diesem Abend nicht. Einer nennt sich Tony und will sich schnell noch Geld für eine Tasche verdienen. Die anderen nennen ihn „das Modell“. Aber erst als Tony in ein Auto gesprungen ist, das ihn auf eine Tour mitnimmt, die für alle unsichtbar bleibt.
http://www.derwesten.de/staedte/essen/Maennliche-Prostituierte-in-Essen-treffen-ihre-Freier-meist-uebers-Internet-id4410751.html
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