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Mittwoch, 15.12.2010:

Stadt droht Pornokino am Steintor mit Konsequenzen

Die Stadtverwaltung hat nach dem Bekanntwerden der Vergewaltigung einer 28-Jährigen in einem Pornokino am Steintor in Hannover Konsequenzen angekündigt. Man werde sich die Räumlichkeiten, in denen auch Gruppensex-Partys veranstaltet werden, noch einmal sehr genau ansehen, hieß es.

Es ist nicht viel, was am Steintor die Welten trennt. Zwei Türen, ein schmaler Treppenaufgang, das ist alles. Auf der einen Seite dieses Durchgangs liegt die schöne neue Welt des Steintors, der „Slide-Club“: Helle Räume mit thailändischen Möbeln, Buddha-Figuren und Lounge-Sofas, alles sauber und frisch renoviert, in der Ecke plätschert ein Brunnen. Auf der anderen Seite des Durchgangs liegt die andere, die schmuddlige Welt des Steintors: Ein düsteres, verwinkeltes Gewirr aus Videokabinen, Separees und Bildschirmen, über die Pornofilme flimmern. Sonnabendnacht, so viel steht fest, war dieser Durchgang offen. Da waren sich die Welten sehr, sehr nah.

In jener Nacht könnte diese Nähe einer 28-Jährigen zum Verhängnis geworden sein. Wenn es stimmt, was sie gegenüber der Polizei geschildert hat, dann ist sie am frühen Sonntagmorgen versehentlich von der einen in die andere Welt hinübergeglitten. Mit Freundinnen hatte sie im „Slide-Club“ gefeiert, dann sei sie auf der Suche nach der Toilette in das „No Limit“ gelangt. Dort sei sie vergewaltigt worden. Von vier Männern. In einer Videokabine. Die Frau, Sozialarbeiterin von Beruf, trug offenbar schwere Verletzungen davon. Sie liegt nun in der Medizinischen Hochschule.

Beide Etablissements, das „No Limit“ und der „Slide-Club“, eine Disko mit jungem, vor allem schwulen und lesbischem Publikum, werden vom selben Pächter betrieben: Karmen M. Am Dienstag, zwei Tage nach dem Vorfall, steht ein Mann, der sich als dessen Lebensgefährte vorstellt, in dem schmalen Durchgang und erklärt, warum aus seiner Sicht die Schilderung der Frau nicht stimmen könne. Frank B.ist in der Bordellszene kein Unbekannter. Er hat sein Geschäft in Kölner Bordell „Pascha“ gelernt. Dort, im laut Internetseite größten Laufhaus Europas, hat er eigenen Angaben zufolge jahrelang ähnliche Sex-Partys wie jetzt in Hannover organisiert. Zu dem Vorfall am Sonntagmorgen sagt er: Die ganze Nacht lang habe ein Angestellter den Durchgang bewacht und jeden darauf aufmerksam gemacht, dass er in einen anderen Klub wechselt. Zudem sei das „No Limit“ zu der fraglichen Uhrzeit so voll gewesen, dass die Frau im Falle einer Vergewaltigung nur einmal hätte schreien müssen, um sich bemerkbar zu machen. Zwei Wachleute, behauptet Frank B., seien auch zu jener Zeit im „No Limit“ im Einsatz gewesen. Zudem sei die Videokabine zu eng für vier Männer.

„Wenn die Frau wirklich vergewaltigt wurde, tut uns das wahnsinnig leid“, sagt Frank B. „Aber wir können es uns nicht erklären.“ Die Polizei hingegen hält die Frau für glaubwürdig. Dass die Kabine zu klein sei, ist für sie ein zweifelhaftes Argument: Die Männer hätten sich nicht zeitgleich, sondern nacheinander in der Kabine an der Frau vergangen.

Frank B. bemüht sich. Er zeigt den Durchgang, die ominöse Videokabine Nummer sechs, führt um dunkle Ecken und vorbei an unzähligen Pornofilmmonitoren. Er demonstriert Offenheit, und er kämpft – auch um den Ruf des Steintors. Das hatte in den vergangenen Jahren gut von dem neuen Ruf als Party- und Amüsiermeile gelebt, Hells-Angel-Chef Frank Hanebuth hat den Imagewechsel kräftig gefördert, er liegt in seinem Interesse. Tatsächlich jedoch zeigt dieser Fall, dass das alte Schmuddel-Steintor der schönen neuen Partywelt näher ist, als es die viele jungen Klubs glauben machen wollen. Das „No Limit“ zum Beispiel hatte in den vergangenen Monaten mit aggressiven Sex-Partys auf sich aufmerksam gemacht. Ursprünglich als Schwulen-Pornokino betrieben, buhlten Karmen M. und Frank B. zuletzt verstärkt auch um die heterosexuelle Kundschaft. Veranstaltungen versprachen sehr viel anonymen Sex für sehr wenig Geld – ein Zeichen für den harten Konkurrenzkampf im Porno-Milieu. Die Ausweitung des Geschäfts war offenbar erfolgreich. „Wir haben hier die open-minded Community zu Gast“, sagt Frank B., die tolerante Gesellschaft also. Keine Einschränkung. Die Trennung von Party-Welt und Porno-Welt wollten die Betreiber mit dem geöffneten Durchgang am Sonnabend bewusst aufheben: „Wir wollten den Besuchern das jeweils andere Etablissement schmackhaft machen“, erklärt B. „Es war sozusagen unser Tag der offenen Tür.“ So sehen Synergieeffekte am Steintor aus. Deutlicher lässt sich kaum formulieren, dass eine Trennung der Welten gar nicht gewünscht ist.

Klubs unter Beobachtung

Nach dem Bekanntwerden der Vergewaltigung einer jungen Frau im Pornokino „No Limit“ ist die Polizei dem Vernehmen nach auf der Suche nach vier arabisch aussehenden Männern, die für die Übergriffe verantwortlich sein sollen.

Die Stadtverwaltung hat derweil angekündigt, sich die Räumlichkeiten in den beiden Klubs in den kommenden Tagen noch einmal sehr genau anzusehen. Dabei geht es um baurechtliche, sowie um Fragen der Konzession. Unter anderem soll geprüft werden, ob die Verbindungstür zwischen den beiden Gebäuden zulässig ist. Außerdem will die Verwaltung klären, ob der Betreiber des „No Limit“ eine Erlaubnis für die Gruppensex-Partys hat, die er regelmäßig veranstaltet.

Fraglich ist auch, ob der Betrieb der Kabinen, in denen es zu der Vergewaltigung gekommen sein soll, rechtens ist. Die Boxen sind zwar mit einer Tür verschließbar, haben aber Gucklöcher an den Seitenwänden, durch die Interessierte das Geschehen beobachten können. Diese Anordnung der Kabinen könnte möglicherweise als Peepshow angesehen werden und wäre somit sittenwidrig. Bereits Anfang des Monats war das Ordnungsamt gegen eine geplante Veranstaltung im „No Limit“ vorgegangen. Die Betreiber hatten für den 3. Dezember zum sogenannten „Blow-Job-Day“ geladen und diesen auch massiv beworben. „Wir haben die Betreiber zu einer Anhörung einbestellt, an deren Ende sie die Veranstaltung freiwillig abgesagt haben“, sagte Stadtsprecher Udo Möller.



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